ICE 4 - Kritik und Probleme

    Fertigungs- und Qualitätsprobleme (Schweißnähte)
    Eines der größten frühen Probleme der ICE 4-Flotte betraf die Qualität der Schweißnähte an den Wagenkästen. Bei Fertigungskontrollen wurde festgestellt, dass vereinzelt Schweißverbindungen nicht den vertraglich vereinbarten Standards entsprachen. Daraufhin stoppte die Deutsche Bahn die Abnahme weiterer Züge und forderte Hersteller und Zulieferer zur Nachbesserung auf. Die bis dahin ausgelieferten Fahrzeuge blieben im Betrieb, da die Mängel als nicht sicherheitskritisch eingestuft wurden. Diese Qualitätsfragen führten nicht nur zu Verzögerungen bei der Auslieferung, sondern auch zu umfangreichen Überarbeitungen im Produktionsprozess sowie zu Diskussionen über die Qualitätssicherung bei den Zulieferketten.

    Türen
    Während der Einführung der ICE 4-Züge wurden gelegentlich Störungen an einzelnen Türen berichtet. Diese Probleme betrafen vor allem die Software bzw. Sensorik der Türsteuerung. Die Deutsche Bahn und der Hersteller Siemens arbeiteten gemeinsam daran, die Steuerungssoftware zu verbessern und die Sensoren besser auf unterschiedliche Umgebungsbedingungen (Temperatur, Feuchte, Druck) zu kalibrieren.

    Sitze
    Ein wiederkehrender Kritikpunkt – vor allem aus Nutzer- und Reisezugsicht – ist die Komfortqualität der Sitze im ICE 4:

    • Viele Fahrgäste empfinden die Sitzpolster als zu hart und ergonomisch ungünstig, besonders bei längeren Fahrten.
    • Auch die Beinfreiheit und Sitzabstände wurden teils als zu eng empfunden, und Passagiere berichten über fehlende Rückenanlegeunterstützung.
    • Vereinzelte Bewertungen bezeichnen die Sitze als „unbequem“ oder nicht ausreichend komfortabel für lange Fernreisen.

    Diese Kritik war stark nutzerbasiert und führte später zu Innenraum-Revisionsmaßnahmen mit überarbeiteten Sitzpolstern und verbesserter Ausstattung in neueren oder instandgesetzten Einheiten. Als Reaktion auf die anhaltende Kritik begann die Deutsche Bahn 2019 mit dem Test neuer Sitzvarianten im Regelbetrieb. In ausgewählten ICE 4-Zügen wurden Sitzmodelle mit veränderten Polstern und Komponenten eingebaut, um die Ergonomie zu verbessern und konkrete Kundenreaktionen zu erfassen.

    Zu den getesteten Änderungen gehörten unter anderem:

    • Bewegliche Kopfpolster in der 2. Klasse
    • Ausziehbare oder besser gepolsterte Sitzelemente
    • Unterschiedliche Polsterhärten und -formen
    • Teilweise Prototypen aus älteren ICE-Serien (z. B. ICE 3-Sitze) zum Vergleich

    Ziel war es, bereits vor einer breiten Umrüstung belastbare Erkenntnisse zur tatsächlichen Wahrnehmung von Komfort zu gewinnen. Auf Grundlage der Tests und der klaren Beschwerden kündigte die Bahn ein flächiges Umrüst- und Revisionsprogramm an, das 2020 starten sollte. Im Rahmen dieser Komfortoffensive wurden und werden sowohl ICE 3 als auch ICE 4 Züge mit neuen Sitzen ausgestattet. Trotz messbarer Verbesserungen bleiben einige Kritikpunkte bestehen – unter anderem aufgrund grundlegender Design- und Kapazitätsentscheidungen. Die Maßnahmen zeigen jedoch, dass Kundenfeedback aktiv in technische Nachbesserungen einfließt.

    Radsätze & Lauftechnik
    Bei der ICE-4-Flotte traten auch Probleme mit Radsätzen und Fahrkomfort auf. Nach Inbetriebnahme wurden Qualitätsmängel an Radsätzen festgestellt, die zu einer erheblichen Überprüfung und zum Austausch vieler Radsätze führten. Dies erhöhte den Wartungsaufwand und erforderte Systemanalysen. Im Probebetrieb waren auch Vibrationen bei hohen Geschwindigkeiten über 230 km/h zu beobachten, deren Ursache im Rad-Schiene-Kontaktverhalten lag. Hier wurden technische Anpassungen, z. B. geänderte Radprofile, untersucht, um Komfort und Schwingungsverhalten zu verbessern.

    Bei der ICE-4-Flotte der Baureihe 412 traten in den letzten Jahren vermehrt Probleme im Zusammenhang mit den Radsätzen und Radlagern auf. Diese Schwierigkeiten betrafen sowohl die Lagertechnik als auch das Entstehen von Flachstellen am Radprofil, was den laufenden Betrieb, den Komfort und den Instandhaltungsaufwand beeinflusste. Ein zentrales technisches Merkmal der ICE 4-Radsätze ist die innenliegende Lagerung der Radsatzlager (im Gegensatz zur außenliegenden Lagerung bei früheren ICE-Baureihen).

    Diese innenliegenden Lager bieten konstruktiv Vorteile (z. B. bessere Schutzwirkung gegen äußere Einflüsse), führten aber in der Praxis zu unerwartet hohen Lagerbelastungen und frühzeitigen Schäden:

    • Überhitzung der Radsatzlager:
      Durch die innenliegende Lageranordnung kam es zu einer nicht optimalen Wärmeabfuhr, was in Einzelfällen zu Überhitzungen führte. Dies wurde bei Instandhaltungs- und Überwachungschecks festgestellt, insbesondere nach längeren Fahrten mit hohen Lasten oder bei hohen Außentemperaturen.
    • Lagerschäden / vorzeitiger Verschleiß:
      Infolge der thermischen Belastung und hoher dynamischer Kräfte traten bei manchen Radsätzen Lagerschäden auf – wie höhere Laufgeräusche, erhöhter Verschleiß oder (in seltenen Fällen) Ausfall einzelner Lagerkomponenten.
    • Diagnose- und Messtechnik:
      Die On-Board-Überwachungssysteme zeigten Unregelmäßigkeiten in den Lagertemperaturen und Laufdaten, was zu einem verstärkten Wartungsaufwand führte, da betroffene Radsätze zeitnah geprüft bzw. ausgetauscht werden mussten.

    Bei innenliegenden Lagern ist der Wärmeaustausch schwieriger als bei außenliegenden, weil die Wärme stärker im Radlagergehäuse eingeschlossen bleibt. In Kombination mit hohen dynamischen Lasten (z. B. bei Wechsel von Beschleunigung und Bremsung) kann dies vergleichsweise schnell zu thermischen Belastungen führen.

    Auch die Flachstellen häuften sich vermehrt. Durch die verteilte Antriebstechnik der ICE 4 (mehrere angetriebene Achsen über den Zug verteilt) sowie das daraus resultierende Bremssystem- und Traktionsverhalten kam es häufiger zu kurzen Phasen von Raddurchdrehen oder lokalen Blockierungen. Diese führten vermehrt zu Flachstellen insbesondere an den nicht angetriebenen Endwagen.

    Brandmeldeanlagen, Stromabnehmer
    Neben den spezifischen Punkten gibt es immer wieder Berichte aus dem Betrieb über zeitweilige Störungen etwa durch Feststellbrems-Fehlfunktionen, Sensor-Ausfälle oder sonstige technische Alarmmeldungen. Diese werden in der Regel im Rahmen der Instandhaltung und Software-Updates behoben. Solche Störungen gehören zu den typischen Herausforderungen bei der Implementierung großer Triebzug-Flotten.  Der 412 ist eine komplexe Neuentwicklung, der viele technische Innovationen und modularen Aufbau beinhaltet. Solche Großprojekte zeigen bei der Einführung häufig Kinderkrankheiten, (Qualitätssicherung, Steuerungs-Software, Komfortdesign), die nach und nach durch Software-Updates, Wartungsprogramme und Nachbesserungen im Serienlauf behoben werden.